Doktor-Eisenbarth- und Stadtmuseum

Oberviechtach

"Eisenbarth nach seinem Tod:
Rezeptions- und Wirkungsgeschichte

EINFÜHRUNG

Durch das gleichnamige Spottlied war Doktor Eisenbarth zwar sozusagen „unsterblich" geworden, zugleich aber zur Legende mutiert. Erst durch die Wie­derentdeckung seines Grabsteins im Jahr 1837 neben der Nordpforte der St.-Aegidien-Kirche in Hannoversch Münden durch den kurhessischen Staatsmann Theodor Schwedes (1788-1882) wurde er in eine historische Persönlichkeit „zurückverwandelt"' [siehe Bild rechts]. Jedoch war „eine nachbarocke Generation [...] nicht daran interessiert, dem Wundarzt historisch gerecht zu werden, und machte in scherzhaftem Spott aus dem Mann mit dem kuriosen Namen den groben, prahlerischen Kurpfuscher, dessen Kuren stets einen üblen Ausgang nahmen. Auf diese wundersam-skurrile Weise erfuhr Eisenbart einen zweiten Ruhm, der sich länger hielt und weiter ausbreitete als der erste zu seinen Lebzeiten."

Aufgrund dieses Sachverhalts stellen sich auch die Beschäftigung und der Umgang mit dem zu seinen Lebzeiten sehr bekannten Okulisten, Bruch- und Steinschneider in Form der sich über Jahrhunderte erstreckenden Überlieferung, Aufnahme, Verbreitung, Untersuchung und Darstellung, also seine Re­zeptions- und Wirkungsgeschichte, äußerst komplex und zwiespältig dar: Hier der übel verleumdete Quacksalber als Protagonist eines Spottliedes — dort der äußerst kompetente Mediziner und geschäftstüchtige Unternehmer. Hier die vielfältig vereinnahmte „Sagengestalt" und Karikatur — dort das Thema und der Gegenstand ernsthafter und profunder fachlicher Auseinandersetzung. Hier ein äußerst diffuses und vages Bild in der breiten Bevölkerung — dort eine klar umrissene Vorstellung bei einer relativ kleinen Gruppe engagierter und sachkundiger Eisenbarth-Forscher und -Freunde. Hier der Markt Viechtach in Niederbayern, der sich der Person Eisenbarths frühzeitig sehr werbewirksam „bemächtigte" — dort der Markt Oberviechtach in der Oberpfalz, der den „großen Sohn" mit hartnäckiger Geduld „heimholte" und um den Beweis seiner Authentizität bemüht war. Kurzum: Hier der „Wunderarzt" mit all den Implikationen der jeweiligen Wahrnehmung und „Vermarktung" in vielen Berei­chen — dort der Wundarzt mit seinem Stellenwert und seiner Bedeutung in der Epoche des Übergangs von der handwerklichen zur wissenschaftlichen Chirurgie. Kaum eine andere bekannte und exponierte Gestalt deutscher (Medizin-) Geschichte kann beinahe 300 Jahre über ihren Tod hinaus eine derart kontinuierlich ambivalente, aber damit auch permanente Präsenz im Volksbewusstsein aufweisen, die dazu geführt hat, dass der Name „Eisenbarth" über den Eigennamen hinaus mittlerweile schon fast als Appellativum Verwendung findet, wenn auch — bedauerlicherweise — nicht in der seinem Träger angemessenen und gebührenden Art und Weise."

[Ludwig Schießl, „Doktor Eisenbarth (1663-1727) Ein Meister seines Fachs, Medizinhistorische Würdigung des barocken Wanderarztes zum 350. Geburtstag", Kapitel II: Seite 39-41]

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